Elisabeth Vera Rathenböck

Die versiegelte Ferne

„Wenn er aufhört, von dir zu träumen, was meinst du, wo du dann wärst?“
Zwiddeldei in „Alice hinter den Spiegeln“ von Lewis Carroll

Die Ferne ist etwas, das wir suchen. Wir werden sie aber nie besitzen. Sie liegt immer vor uns und wir sind hinter ihr her.
Für die Antike lag die Ferne noch auf dem Land. Nach und nach wurde das Land beschrieben, vermessen und kartographiert. Das vorderste Ziel war, der Welt die Ferne zu entreißen.
Ein Schrumpfungsprozess der Welt begann, der – unterbrochen vom Mittelalter – mit Beginn der Neuzeit auch den Himmel miteinbezog. Und das Meer.

Was Giorgio Vasari mit „rinascitá“, mit der „Wiedergeburt“ der Kunst bezeichnete, ging von der Neuentdeckung des Menschen in den Wissenschaften und der Kunst aus. Gemeint war aber auch die Aufhebung der Grenzen zwischen Himmel und Erden, weil die diesseitige Wirklichkeit in die Kunst eindrang. Noch wurde diese ursächliche Wirklichkeit mit dem kirchlichen Schleier schamhaft bedeckt, noch wollte man vor allem Harmonie und göttliche Ordnung im Diesseits sichtbar machen. Als ob der Himmel zur Erde gefallen war, ließ sich die Grenze zwischen Oben und Unten aufheben. Doch der Modus des Kartographierens wurde auch von der Kunst erwidert, die nun den Bildraum mit der perspektivischen Konstruktion in einen vermessenen „Schriftraum“ verwandelte.
Diese Profanisierung der transzendenten Ferne durch die Kunst bedeutete im „realen Erleben von Welt“ einen Verlust, den nur die Seefahrt wieder wettmachen konnte.

Navigare necesse est
Im Zeitalter der Erfahrung der Welt durch die Seefahrer, die in der „Neuen Welt“ das Paradies vermuteten, gewann die Erde zunächst Raum. Sie wurde von der Scheibe zur erfahrbaren Kugel. Für die unbestimmbare Größe Ferne bedeutete das nun eine konkrete Verortung im Sinne einer Wiedergeburt am Horizont. Er liegt dort, wo sich Himmel und Meer nahe kommen, dort wo sich der Blick verhakt in ein bis dahin noch unbekanntes Verlangen: der Sehnsucht nach Unendlichkeit.

Die heroische Geschichte Europas in der Erfahrung der Ferne in der Welt bei gleichzeitiger Vermessung lässt sich zwar nicht ohne Umwege auf Leopold Koglers Werkzyklus „Fernsicht“ übertragen. Sie ist es aber, die unsere Seherlebnisse von diesen und den meisten anderen Gemälden prägt, weil unsere Weise des Sehens nach wie vor von den ästhetischen Möglichkeiten, die die Renaissance für den Bildraum entwickelte, geprägt ist. Auch wir werfen – im Unterschied zum magischen Blick im Mittelalter – letztlich den „aufrechten Blick“ in einen durch ihn strukturierten (und kontrollierten) Lebens- und Erfahrungsraum. Es vermag allein die Abstraktion durch die Kunst diese „Entzauberung der Welt“ (Thomas Kleinspehn) zu unterwandern. Und die Sehnsucht nach der Ferne.

Das Bild als Panorama
In den Bildern Leopold Koglers sind Anleihen an die Landschaftsmalerei, wie sie sich seit der Renaissance in Europa entwickelte, nicht nur evident, sondern sie legitimieren auch seine Mittel der Abstraktion. Zum einen sucht er wie die Romantiker den „panoramatischen Blick“, der aus dem Gestaltungsmittel „Farbe“ hervorgeht. Die Farbvaleurs, die sich in feierliche Kühle oder bedrohliches Glosen kleiden, in sturmbeladene Seelengewölbe oder in ein hochenergetisch aufgeladenes Elysium, sie alle strahlen einheitlich eine innere Würde aus, die in den Bereich des Transzendenten führt. Der Horizont wird mit dem Mittel der Unschärfe, das gleichzeitig Bewegung impliziert, in die Raumtiefe verschoben.
Der Betrachter wird dagegen auf seinen Standpunkt im Irdisch-Alltäglichen verwiesen, denn die horizontale Komposition bezieht das betrachtende Auge als Chiffre für die Vertikale in den Bildprozess mit ein. Indirekt entsteht eine Kreuzachse, die sich mit christlichen Seinsvorstellungen unserer Kultur verbinden lässt.
Zum anderen sieht sich der subjektive Gestus im Dienst des Nacherlebens eines meditativen Naturerlebens, das sich im „Medium Malerei“ immer neu realisiert. Virtuos wird die Farbe zu einer poetischen Selbstständigkeit getrieben, um in der Erfüllung des Atmosphärischen an sich an die Grenzen der gegenstandslosen Malerei zu führen. Ob es sich im Endresultat um Chiffren für die flüchtige Erinnerung an äußere Eindrücke handelt oder für eine ferne kosmische Natur oder gar um die Imagination eines inneren Seelenfluidums bleibt Aporie, was uns die Lust am Sehen bewahrt. Denn es ist die Suche nach dem Horizont, der aber als konkrete Antwort nicht greifbar ist, die uns in diese Bilder führt. Es ist die Suche nach der Überwindung von Grenzen an sich, die uns Koglers Werke spiegeln, sodass in ihnen die Ferne auf Dauer versiegelt bleibt.

Immanent ist die Illusion des Horizonts, der sich hinter dem Bildraum entzieht und so den Betrachter in die Tiefe führt. Hinter dem Horizont könnte der Ort der Wahl liegen, der uns die Fesseln Trägheit und Schwerkraft überwinden lässt. Doch zwischen ihm und unserem Standpunkt entfaltet sich das Bild als durchlässige Membran oder als „Passage“, die unsere Bindung an einen bestimmten Ort oder an bestimmte Denkmuster aufhebt, nur um sie mit Sehnsucht nach Ferne zu ersetzen. Das ist eine Ferne, die uns nichts anderes verheißt, als über uns selbst hinauszugehen und unsere Determinierung durch die Existenz zu überwinden, was auch der Filmemacher Andrej Tarkowskij als Signum der Kunst beschreibt: „Die künstlerische Einsicht und Entdeckung (…) präsentiert sich als eine Offenbarung, als ein jäh aufblitzender leidenschaftlicher Wunsch des Künstlers nach intuitivem Erfassen sämtlicher Gesetzmäßigkeiten der Welt – ihrer Schönheit und ihrer Hässlichkeit, ihrer Menschlichkeit und Grausamkeit, ihrer Unendlichkeit und Begrenztheit. Alles dies gibt der Künstler in der Schaffung eines Bildes wieder, das auf eigenständige Weise das Absolute einfängt.“

Wien, Februar 2009

 

Elisabeth Vera Rathenböck, Mag. art., schreibt Romane, Theaterstücke und kunsttheoretische Beiträge.
Infos: www.sesslerverlag.at