Carl Aigner

Vom Glück der Landschaft
Noten zu neuen Arbeiten von Leopold

"Es geht nicht um Gegenstände, es geht um das Sehen."  von Robert Rymann

In den letzten Jahren hat sich die Malerei von Leopold Kogler in verschiedener Hinsicht merklich zu transformieren begonnen. Dabei ist das ThemaLandschaft in spezifischer Weise virulent geworden, ebenso formal-gestalterische Grundparameter des Bildnerischen, etwa zum Phänomen von Bild und Unschärfe.1

Unter dem Titel „Fernsicht“ entstanden seit Anfang 2008 neue, umfangreiche Werkserien verschiedenen Formats, welche den in den letzten Jahren beschrittenen Weg seiner Malerei weiter akzentuieren und verdichten. Die Farben Gelb, Grün und Blau spielen in ihrer Artifizialität eine essenzielle Rolle, damit verbunden ihre symbolischen Implikationen (gelb als Bedrohung etwa) und die daraus resultierenden semantischen Interpretationsfelder von Natur. Formal dominiert die horizontale Perspektive mit einer Reihe von Inversionsstrategien. Blau und Grün verkehren sich in Erde und Himmel und evozieren eine quasi negative Bildperspektivik, in der die Schnittstellen von Himmel und Erde zu einem endlosen Horizont verrinnen. In ihrer bildnerischen Atmosphärik, in der Tendenz der Auflösung desHorizontalen und in der Farblichtreflexion erinnern sie an die radikalen Werke von William Turner.

In immer intensiverer Verschmelzung von Struktur und Farbe eröffnen sich Bildräume, die changierende, fast explosive, spontane Formen in sich bergen und die Betrachtung zu einem Abenteuer des Sehens machen. Nicht zufällig spielt das Moment des Horizontalen eine elementare Rolle, ist es doch jener magische Ort einer Schwerelosigkeit, in der sich unsere Wahrnehmung metaphorisch vom Irdischen ins Kosmische verlagert. Wie überhaupt in den neuen Arbeiten das Horizontale die dominierende „Bildfigur“ und Kompositionsweise geworden ist.

Als Imagination von Landschaft ist diese als reales Phänomen lediglich Ausgangspunkt der künstlerischen Reflexionen. Im Spiel von Fiktionalität und Realität geht es um die Thematisierung bedrohter Naturlandschaften undweniger um die Auseinandersetzung von Gegenständlich und Abstrakt. Im damit verbundenen Gestus der Malerei mit ihrer Farbenintensität verbirgt sich hinter der vordergründigen Schönheit der Farbbildkompositionen die Sehnsucht nach dem Unendlichen von Natur, die Sehnsucht nach ihrem Nullpunkt als Ort ihrer Unberührtheit. „Die Zwiesprache mit der Naturbleibt für den Künstler conditio sine qua non. Der Künstler ist Mensch, selber Natur und ein Stück Natur im Raum der Natur“, schreibt Paul Klee über das Verhältnis von Natur und Kunst so eindrucksvoll 1921 in seinen Beiträgen zur bildnerischen Formenlehre.

In vibrierender Weise gelingt es Leopold Kogler, seine Seharbeit in „unvermittelt malerische Erlebnisräume“ (Maria Rennhofer) zu verwandeln, gewissermaßen in eine bildnerische Sphärenmusik. Unablässig weist er dadurch darauf hin, dass Malerei immer einen Akt der Wahrnehmung darstellt und im Kompositionellen dieses Aktes deren künstlerische Begründung zu finden ist. Das Bild kann somit kein Fenster zur Welt mehr sein, sondern ist selbst Weltfragment, Teil der Welt als subtilste Form ihrer Wahrnehmung, ist komplexe Interpretation und ihre faszinierende Erweiterung. Malerei kann so bis heute ein „Augentor“ (Kogler)für das sein, was nur durch, in und mit Malerei vermittelt werden kann – denn Kunst ist durch nichts ersetzbar, ist singuläre ästhetische „Biosphärik“ (Peter Sloterdijk).

Dies bedarf einer Behutsamkeit der Blicke, bedarf zumindest ein wenig des Bewusstseins über die Kostbarkeit der Möglichkeit, dass wir überhaupt zu Sehen vermögen. In unserer alltäglichen Bilderflut sind wir unmerklich blindgegenüber der Welt und den Bildern geworden. Es ist fast ausschließlich die bildkünstlerische Arbeit, die uns immer wieder nachdrücklich darauf hinweist, dass das Weltbild nicht bloß heißt, ein Bild von der Welt zu haben, sondern die Welt überhaupt als Bild begreifen zu können – auch dies ist ein wesentlicher Aspekt der neuen Malerei von Leopold Kogler.

1 Siehe dazu Carl Aigner: Unschärferelationen. Nähe und Ferne als Dimension neuer Malerei
bei Leopold Kogler, in: Leopold Kogler: Bilder 2002 – 2005, Amstetten 2005.