Elisabeth Voggeneder

Malerei als Reise
Betrachtungen zum Werk Leopold Koglers

„Vielleicht ist es so, dass wahre Reisende sich stets im Auge des Sturms befinden. Der Sturm ist die Welt, das Auge ist das, womit er die Welt betrachtet. Aus der Meteorologie wissen wir, dass es in diesem Auge ruhig ist. Wer lernt, mit diesem Auge zu schauen, lernt vielleicht auch, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden.“

Cees Noteboom

In der Malerei Leopold Koglers ist die Auseinandersetzung mit der Farbe das primäre und nahezu einzige Gestaltungsmittel. Seine Bilder zeigen keine Objekte, keine Formen und keine Linien. Sie bestehen aus reinen Farbmodulationen.

Für Leopold Kogler ist Malerei Farbmalerei per se.

Bei seinen Bildern eröffnet sich die Farbe gleich einem eruptiven Reigen. Irdenes Schwarz, erdiges Braun, tiefes Wasserblau, abendliches Violett, nächtliches Rotblau, Signalrot und himmelsnahes Rosé, Wiesen-, Tannengrün und Sommeroliv; die Palette entwickelt sich kraftvoll von primären Tönen bis zu modulierten Nuancen: Leuchtendes Weiß, sonniges Gelb wie mildes Orange erhellen das Farbspektrum unddurchbrechen die dunkleren Farbakkorde plötzlich und unmittelbar. KontrastreicheFarbdialoge lassen das Kolorit wirken. So ist es der ebenso differenzierte wie subtile Gebrauch der Farbe, der die Intensität und Kraft der Farbe wesentlich bestimmt. Komplementär- und Simultankontraste, das Akzentuieren von Hell- Dunkelwerten, das Spiel mit Qualitäts- und Quantitätsverhältnissen – etwa die Variation der Farbsättigung und die Betonung der Farbwertigkeit – stellen die malerischen Mittel dar, die das Erscheinen der einzelnen Farbtöne signifikant zum Ausdruck bringen.

Doch so intensiv die Farbstimmung im Detail auch vor unser Auge tritt, so erscheinen die Bilder im Gesamten doch erstaunlich still. Akzente und Harmonien, Komplementäres und Synergien, Brüche und Übergänge ergänzen sich zu einer Entität, die in sich zur Ruhe gelangen will. Unterstützt wird diese Farbgrammatikdurch die Malweise. Die offenen Pinselstriche bilden, dicht platziert, eine Übereinanderlagerung zahlreicher Schichten zu einem satten Farbteppich. Die einzelnen Farblagen verlaufen in parallelen Bahnen über das Bild und bedecken die gesamte Ebene in einem regelmäßigen Verlauf. Damit erreicht die Malerei eine Kontinuität aus reiner Farbigkeit.

Welchen Erscheinungen folgen die Bilder?, fragt sich der Betrachter angesichts Leopold Koglers Malerei.

Begonnen hatte Leopold Kogler gänzlich anders. Während seines Studiums an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien, von 1973 bis 1977 in der Klasse von Oswald Oberhuber, Bazon Brock und Peter Weibel, und danach war er stark von dem progressiven Ansatz seiner Lehrer geprägt und arbeitete experimentell in unterschiedlichsten Techniken. Skulptur, Installation und Theorie standen im Vordergrund. Zur Malerei kam er erst nach und nach. In einem schrittweisen Prozessnäherte er sich dem Medium an. Er begann sich mit der grafischen Umsetzung von Naturformen zu beschäftigen und widmete sich dabei auch immer mehr der Farbgestaltung. Schließlich überwiegt die Malerei mit Acryl, Pigmenten und Emulsionen, wobei die Natur den zentralen Impuls gibt. Leopold Koglers Arbeit bettet sich nun im Kontext der Naturabstraktion ein, die seit den Fünfzigerjahren mit MaxWeiler über Wolfgang Hollegha einen wichtigen Zugang zum Abstrakten darstellt, bis die Gruppe der „Neuen Wilden“, allen voran ist hier Herbert Brandl zu nennen, in den Achtzigerjahren die Abstraktion der Natur zu einem neuen Höhepunkt führte.

Mit seiner zeitgleich entwickelten auf Leinwand gearbeiteten Serie, den so genannten „Fernblicken“ stellt Leopold Kogler einen interessanten Beitrag. Er thematisiert das Sujet des Ausblicks auf Landschaftszüge. Dieser Dimension der Weite setzt er die „Nahsichten“ gegenüber, die sich auf einen kleinen  Ausschnitt aus der Natur beziehen und im grafischen Medium gearbeitet werden.

Obwohl die Werke abstrakt erscheinen, bildet dennoch das Gesehene den Bezugs¬ und Ausgangspunkt. Doch sind es keine Naturstudien oder Landschaften im Sinne einer beschreibenden Darstellung oder Topografie. Auch ist es keine Wiedergabeeines Ortes. Den Bezug zur Lebenswelt erhält man einzig im Kompositorischen: bei den grafischen Nahsichten durch die strukturelle Analogie zum Naturhaften, bei den malerischen Fernblicken durch die Setzung einer Raumteilung. Stets verläuft eine imaginäre Begrenzung durch den Bildraum, teilt die Fläche in ein Oben und Unten – gleich einem Horizont – Bekanntes suggerierend. Ein Minimum an gegenständlichem Verweis bleibt hier bestehen.

Bei den neuen Arbeiten, die in den letzten beiden Jahren entstanden, sprengt Leopold Kogler sein bisheriges Format und eröffnet durch die konsequente Verdichtung des Bildes zu Farbräumen neue Blickpunkte. Ohne eine Landschaft darzustellen ist die Assoziation des realen Raumes avisiert. Schemenhaft, in einem farblichen Kontinuum ohne Kontur rekurriert er nun auf die Kontinuität als bildnerisches Prinzip.

Die neuen Landschaftsbilder, meist ohne Titel, erinnern an Motive, wie man sie von Reisen kennt: Blicke aus dem Zug, das Vorüberziehen landschaftlicher Merkmale, Eindrücke unbestimmter Orte. Gleich einem Band aus Bildern generiert sich der natürliche Raum des Betrachters im Hinaussehen. Es ist ein Sehen, das nicht festhält, seinen Fokus auf den Rhythmus des Verlaufs konzentriert. Orte sind dabei fragmentarische Momente des Erscheinens, sind schemenhaftes Flirren von Licht und Schatten.

„Der Ursprung des Daseins ist Bewegung. Folglich kann es darin keine Bewegungslosigkeit geben, denn wäre das Dasein bewegungslos, so würde es zu seinem Ursprung zurückkehren, und der ist das Nichts. Deshalb nimmt das Reisen nie ein Ende.“, zitiert Cees Noteboom den arabischen Philosophen IbnAl Arabi und legt damit die Basis seiner literarischen Verfahrensweise, die als Reiseberichte beschrieben werden: „Was auf den Reisen Cees Notebooms geschieht und was er notierend festhält, ist: Blick in die Welt, auf Geschichten, Bilder und Natur, auf Menschen. Sie finden im Kosmos eines einzigartigen Beobachters Platz.“   

In diesem System des Reisens spiegeln sich die Beobachtungen LeopoldKoglers wider. Wie mit den Worten des Reisenden Noteboom Bilder eines Augenblicks entstehen, so generiert Leopold Kogler mit seiner Malerei Augenblicke in reiner Farbe.

Anders als bei den bisher entstandenen Bildserien betonen die neuen großformatigen Arbeiten die Dimension der Tiefe in Bewegung und schaffen durch i hre Ausdehnung eine imaginäre Umgebung. Auf diese Weise erweitert LeopoldKogler seine bisherige Interpretation des Landschaftsthemas. War bei den mittelformatigen Fernblicken eine Analogie zu romantischen Landschaftsempfindungen im Hinblick auf Betrachterbezug und Empfindungsdimension spürbar, so steht nun ein Verständnis der Natur als Veränderliches im Vordergrund. Nicht mehr die statische, auf den Betrachter ausgerichtete perspektivische Anlage des Raumbildes durch eine Zentrierung von Farbe gibt den Aug- undFluchtpunkt an, jetzt ist es eine Perspektive der Dynamik. Nicht ein Menschmit fixiertem Standpunkt steht im Mittelpunkt des Bildkonstrukts, es ist die Räumlichkeit selbst.

Leopold Koglers aktuelle Landschaftsbilder sind reduziert zu einer Landschaft des Wesentlichen: Ein Blick ins Menschenleere, ohne visuelle Sensation, ausschließlich Raum ohne Anhaltspunkt. Wir stehen gedanklich vor einer Landschaft, die nur noch die Möglichkeit des Erscheinens evoziert.

„Doch eigentlich liebt Noteboom das Verschwinden. Er hat daraus sein eigenes Ritual gemacht. Den Koffer packen, sich verabschieden, den Zug, das Auto oder das Flugzeug nehmen und vor allem: niemals ankommen,“ … wie es auch in den Farbräumen Leopold Koglers kein Ankommen mehr gibt.